{"id":2542,"date":"2017-04-02T19:16:52","date_gmt":"2017-04-02T17:16:52","guid":{"rendered":"https:\/\/willybrandtcenter.org\/?p=2542"},"modified":"2021-04-09T00:02:57","modified_gmt":"2021-04-08T22:02:57","slug":"gruendungsgeschichte-ein-blick-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/willybrandtcenter.org\/en\/de\/gruendungsgeschichte-ein-blick-zurueck\/","title":{"rendered":"Gr\u00fcndungsgeschichte: Ein Blick zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>Am 6. April 1996 trafen sich in Ramallah die pal\u00e4stinensische Schabibe (Jugendorganisation der Fatah-Bewegung), die israelische Mischmeret Tsirah (Jugend der Arbeitspartei Awoda) und die Jusos, um das Willy-Brandt-Zentrum zu gr\u00fcnden. Aus heutiger Sicht sind allein die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde dieses Treffens bemerkenswert. Damals konnten die beiden Mischmeret-Tsirah-VertreterInnen, Ofer Dekel und Sarah Gungle, nach Ramallah reisen und wir sa\u00dfen mit ihnen in den R\u00e4umlichkeiten der Fatah zusammen. Heute ist es Israelis verboten, nach Ramallah oder ein andere Stadt zu reisen, die in den pal\u00e4stinensischen Autonomiegebieten liegt. Au\u00dferdem begleitete Fatah-Generalsekret\u00e4r Marwan Barghuti die trilateralen Verhandlungen, weil er sein B\u00fcro in einem Nachbarraum hatte. Heute sitzt er in einem israelischen Gef\u00e4ngnis, verurteilt zu mehrfach lebenslanger Haft. Damals wie heute galt Marwan Barghuti als ein Hoffnungstr\u00e4ger der jungen Generation in Pal\u00e4stina.<!--more--><\/p>\n<p>1996 war Begegnung noch m\u00f6glich, und vor diesem Hintergrund ist das Entstehen des Willy Brandt Center (WBC) zu verstehen. Die Jusos hatten die \u00d6ffnung, die sich aus dem Oslo-Vertrag ergab, genutzt und beharrlich an der Idee gearbeitet. Mehrere Verhandlungen und Treffen in der Region und in Deutschland haben die Vertragsunterzeichnung vorbereitet. Die Jusos hatten eine eigene Projektgruppe Nahost, die die Verhandlungen vorantrieb. Auch Andrea Nahles legte als Juso-Bundesvorsitzende ihr ganzes pers\u00f6nliches Gewicht in die Gespr\u00e4che, um Ofer Dekel und Sabri Tomezi, den pal\u00e4stinensischen Vorsitzenden, zur Vertragsunterzeichnung zu dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Diejenigen, die sich damals in Ramallah getroffen haben, waren optimistisch, obwohl sie die ersten Klimaver\u00e4nderungen mitgekriegt haben. Einige, die damals am Tisch gesessen haben, haben die Ermordung Jitzchak Rabin im Jahr zuvor miterlebt. Dies war nicht nur ein pers\u00f6nlich einschneidendes Erlebnis. Sondern alle sp\u00fcrten, dass damit der Friedensprozess eine Wende genommen hat. Auch die Vertreter der Schabibe zeigten sich damals getroffen und sagten sofort, dass sie gro\u00dfe Bef\u00fcrchtungen h\u00e4tten. Im Nachhinein muss man sagen: die Bef\u00fcrchtungen haben sich bewahrheitet. Der Friedensprozess hat sich nie mehr von Rabins Tod erholt. Kurze Zeit sp\u00e4ter gab es zudem die ersten pal\u00e4stinensischen Selbstmordanschl\u00e4ge in Israel, was eine neue Dimension der Auseinandersetzung und des gegenseitigen Misstrauens mit sich brachte.<\/p>\n<p>Die drei Jugendorganisationen stellten sich dieser Entwicklung entgegen. Der jungen Generation k\u00e4me dabei eine besondere Verantwortung zu, war die feste \u00dcberzeugung. Deswegen hatte man den festen Willen, den Vertrag an diesem Tag zu unterzeichnen, auch wenn man dabei um jedes Wort rang. Die beiden Israelis waren dabei im st\u00e4ndigen telefonischen Kontakt mit ihrer Parteizentrale in Tel Aviv, und die sechs verhandelnden Pal\u00e4stinenser um Sabri Tomezi und Samer Singilawi nutzten den kurzen Weg zum Fatah-Generalsekret\u00e4r.<\/p>\n<p>Die sechsk\u00f6pfige Juso-Delegation bet\u00e4tigte sich als unerm\u00fcdlicher Mittler zwischen den beiden Seiten. Sie hatten den Computer in Beschlag genommen und tippten immer wieder neue Formulierungsvorschl\u00e4ge, \u00c4nderungen und Kompromisse ein, druckten sie aus und legten sie den beiden Seiten vor. Am Ende waren sie erfolgreich.<\/p>\n<p>Dass der Vertrag heute immer noch gilt, ist beinahe schon ein Wunder. Auch wenn die Situation 1996 schon eingetr\u00fcbt war: es kam noch schlimmer. Sicherlich gab es mal bessere und mal schlechtere Zeiten. Aber im Gro\u00dfen und Ganzen entwickelten sich die Rahmenbedingungen eindeutig zum Negativen.<\/p>\n<p>Der 3. Oktober 2003, der wohl zweitwichtigste Tag in der Geschichte des WBC, befand sich mitten in der zweiten Intifada. Trotzdem schaffte es das WBC damals, sein neues Haus in Abu Tor zu er\u00f6ffnen und war stolz auf die beeindruckende Begegnungsm\u00f6glichkeit oberhalb der Altstadt von Jerusalem. Dass das Zentrum als Haus in Jerusalem sichtbar wird, war 1996 noch eine Utopie. Zwar schauten wir schon damals nach einem sch\u00f6nen Ort f\u00fcr das WBC, etwa in der N\u00e4he des Damaskustores. Auch dort teilt die Gr\u00fcne Linie die Stadt in eine Ost- und eine Westh\u00e4lfte. Doch wovon h\u00e4tten wir solch ein Projekt mit eigenem Personal und R\u00e4umlichkeiten bezahlen k\u00f6nnen? Dies wurde erst m\u00f6glich, als Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ein Programm f\u00fcr den Zivilen Friedensdienst in Leben rief, an dem sich das WBC beteiligen konnte.<\/p>\n<p>Bemerkenswert ist, dass mit den Jusos eine deutsche linke Jugendorganisation dieses gro\u00dfe Engagement zeigte und bis heute daran festh\u00e4lt. Ab Mitte der siebziger Jahre waren die Jusos explizit pal\u00e4stinafreundlich, davor waren sie israelfreundlich. In den neunziger Jahren hatte sich das erneut ge\u00e4ndert. Es gab eine Gruppe von Jusos, insbesondere in der 1991 gegr\u00fcndeten Projektgruppe Nahost, die sich sowohl als israel- als auch pal\u00e4stinafreundlich definierte. \u201eDoppelte Solidarit\u00e4t\u201c wurde das Konzept sp\u00e4ter genannt.<\/p>\n<p>Die Jusos waren der \u00dcberzeugung, dass sie im Nahen Osten eine Rolle spielen k\u00f6nnen, die sie von ihren Partnerorganisationen in Skandinavien, Frankreich oder Italien unterscheidet. Das hat etwas mit der deutschen Geschichte zu tun, die so schicksalshaft mit der Geschichte der Juden in Israel verkn\u00fcpft ist. Die Zeit der Wiedergutmachung, als die ersten linken Jugendorganisationen in den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren nach Israel reisten, ist lange vorbei. Doch es bleibt die Verantwortung vor der Geschichte. Die Jusos damals hatten und haben bis heute den Eindruck, dass es gut ist, in den Nahen Osten zu reisen, ohne schon alles ganz genau zu wissen und den Friedensplan in der Tasche zu haben. Und bevor man ein Urteil f\u00e4llt, lieber noch einmal zus\u00e4tzlich nachdenken und versuchen, sich in die Haltung der beiden Seiten vor dem Hintergrund der jeweils subjektiv verstanden Geschichte hineinzuversetzen. F\u00fcr die Kontakte mit den israelischen Partnern ist dies sehr hilfreich \u2013 und f\u00fcr die Kontakte nach Pal\u00e4stina auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Kerstin Griese \/ Harald Schrapers<\/em><\/p>\n<p>Aus: <i>Partner for Peace \u2013 Engagement f\u00fcr Frieden und soziale Gerechtigkeit.<\/i> Willy-Brandt-Zentrum Jerusalem, Berlin 2017, S. 9\u201311.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 6. April 1996 trafen sich in Ramallah die pal\u00e4stinensische Schabibe (Jugendorganisation der Fatah-Bewegung), die israelische Mischmeret Tsirah (Jugend der Arbeitspartei Awoda) und die Jusos, um das Willy-Brandt-Zentrum zu gr\u00fcnden. Aus heutiger Sicht sind allein die \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde dieses Treffens bemerkenswert. 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